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Bildanalyse – Altes Boot

Kommentare 1
Blog, Tipps & Tricks

Autor: Tammo

… im d-pixx-forum

Tammo bat mich um eine Bildanlyse, weil er sein Bauchgefühl nicht richtig beschreiben konnte.

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Als erstes fällt mir das Panorama-Format auf und sogleich stellt sich mir die Frage, ob ein einzelnes Foto beschnitten wurde oder ob es sich um eine mehrteilige Aufnahmen handelt. Das ist zwar für die Bildanalyse völlig unerheblich aber ist ggf. für die Beurteilung der handwerklichen Leistung und der Bildidee während der Aufnahme vor Ort von Interesse. Tammo teilte mir in Rücksprache mit, dass es sich um den Beschnitt einer einzelnen Weitwinkelaufnahme handelt. Er selbst bedauert es, dass er das Potenzial der Komposition vor Ort nicht vollständig erkannte und es versäumte eine mehrteilige Panorama-Aufnahme anzufertigen. Ich kann ihm nur beipflichten. Hier hätte wahrscheinlich eine Freihandserie schon ausgereicht um ein hochauflösendes Panoramafoto zu erstellen.

Dann fällt mir als nächstes die recht ausgeprägte Vignette auf. Normalerweise entsteht sie ja durch Randschwächen des optischen Systems. Sie ist zu einem beliebten Stilmittel geworden, gerade wenn es darum geht nostalgische Stimmungen zu verstärken. Sie passt physikalisch nicht so recht zu einem Panorama und bildet insofern einen technischen Widerspruch. Da sie aber als digitales Nachbearbeitungs-Gestaltungsmittel durchaus Sinn macht, den Blick auf das Zentrum zu verstärken oder dafür zu sorgen, dass er länger im Bild verweilt, möchte ich behaupten, dass es hier gut passt. Zudem die Bildelemente in zwei Richtungen weisen (dazu gleich mehr) und den Blick schnell aus dem Bild gleiten lassen würden.

Die digitale Nachbearbeitung dominiert die Stimmung des Bildes. Die Reduzierung mittels monochrome Sepia-Tonung gewichtet vielleicht die Formen und Linien mehr. Die starke Körnung lässt Linien und Formen wiederum verschwimmen, untermauert jedoch die Romantik.

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In der originalen Farbdarstellung werden die Linien und Formen durch Farbkontraste betont. Sie verlieren meiner Meinung nach in der Bearbeitung an Gewicht, funktionieren aber als Führung und räumliche Darstellung trotzdem.

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Die Bildaufteilung ist nach der Drittelregel durchaus harmonisch (weiße Linien). Der mittige Horizont wirkt bei Panoramen alles andere als langweilig. In den vertikalen Drittelteilungen findet der Betrachter Objekte, die gleichzeitig, wie schon eingangs angedeutet, die Blickrichtung in zwei Richtungen führt. Nach links (in „Fahrtrichtung“ des Bootswracks) und in den rechten Teil, der durch den Yachthafen geprägt ist und in die Tiefe führt. Die Tiefe wird durch die senkrechten Linien der Dalben, die nach hinten kleiner werden, fortgesetzt. Der Ufersaum mit seinen Reetpflanzen bildet einen Keil von links nach rechts in Leserichtung und führt damit durch das Bild.

Dadurch wird der Blick wahrscheinlich in den meisten Fällen den grünen Pfeilen zu den einzelnen, markanten Punkten (rot) folgen. Aus meiner Sicht ergibt sich damit eine stabile Blickführung in Leserichtung. Die Vignette erfüllt nun wirklich seinen Zweck, denn durch die abgedunkelten Ränder neigt mein Blick, nach der Führung, im Bild nach Details zu suchen, was ja bei Panoramen durchaus erwünscht ist.

Hinsichtlich Lichtführung oder Farben gibt es hier aus meiner Sicht nichts großartig zu analysieren. Bleibt noch die dunkle Fläche der Ufer-Reetpflanzen ganz rechts im Bild. Sie ist recht dominant und „schwer“ und bringt das Bild nach der Hell-Dunkelflächenbetrachtung ein wenig aus dem Gleichgewicht. Jedoch die ausgeprägte Horizontlinie und das Bootswrack stehen diesem Manko sehr stabil gegenüber.

Aus handwerklicher Sicht scheint die Lichtsituation nicht schwierig gewesen zu sein und führt beim puren Foto „out of cam“ (siehe oben) dazu, dass sie recht gewöhnlich daher kommt. So verlangt das Bild sicher auch diese angemessene Nachbearbeitung, um es zum Sprechen zu bringen.

Bleiben noch die Symbole. Das Bootswrack bildet, wie uns Tammo durch seinen Titel versichert, das Hauptmotiv. Es steht für Vergänglichkeit und Verlassenheit in der Weite. Insofern möglicherweise auch für Vergessen. Der Yachthafen in der Ferne spricht vom Hier und Jetzt und von der Anwesenheit des Menschen. Ein Yachthafen ist Ausgangspunkt für Hobby und Abenteuer, wobei uns das Wrack warnt, dass es durchaus gefährlich ist, sich auf das Wasser zu begeben. Die Dalben weißen als senkrechte Linien nach oben und stehen für Stabilität. Ebenso der Leuchtturm in der Ferne, der das maritime Thema im wahrsten Sinne des Wortes auf den Punkt bringt. Uferpflanzen und Bäume vermitteln den Eindruck einer romantischen Fluss-Kulturlandschaft und bringen die Natur ins Spiel. Alle Symbole zusammen bilden einen Kontrast von Mensch und Natur. Die Bearbeitung, das Korn und die Sepiatonung symbolisieren die Vergangenheit und verleihen dem Bild einen starken, nostalgischen Ausdruck.

Nach dieser Analyse ist es für mich ein Bild, das mit melancholischen aber durchaus angenehmen Eindrücken in meinem Kopf hängen bleibt. Das ist doch der größte Wunsch eines Bildautors – oder? Kreative Bilder zu machen, die hängen bleiben.

Gut gemacht, Tammo!

Allgemeiner Hinweis:
Solche Analysen sind rein subjektiv. Ich bin zwar immer auf der Suche nach objektiven Betrachtungen aber es ist unmöglich, da alle Sichtweisen der selektiven Wahrnehmung unterliegen. Eigene Erfahrungen und Standpunkte werden dabei stärker berücksichtigt, ob man das will oder nicht. Und eines ist gewiss, ich weiß, dass ich nichts weiß! 😉

1 Kommentar

  1. Hallo Kai,
    hier auch noch mal Danke für Deine Mühe.
    Du hast mir auf jeden Fall geholfen mein Bauchgefühl zu beschreiben 😉
    Gruß,
    Tammo

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