MachtVerhältnis

Bildgestaltung Teil 2 – Wahrnehmung

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2 Wahrnehmung

Die menschliche Wahrnehmung basiert zu einem großen Teil auf Seheindrücke. Viele davon stammen von Bildern, die uns täglich begegnen. Wir erkennen fremde Orte, an denen wir noch nie waren, nur weil wir Bilder davon gesehen haben. Wir wissen z.B. wie ein Tropfen Wasser im freien Fall aussieht, weil wir irgendwann einmal ein Bild davon gesehen haben. Es ist uns verwehrt einen Wassertropfen im freien Fall genau zu betrachten, weil die Wahrnehmung der Zeit unterliegt. Daraus resultiert unser Grundbedürfnis „sich selbst ein Bild zu machen“. Und das geht ja mit dem Fotoapparat am einfachsten. Vielen Fotografen ist es dabei egal, ob andere bereits ähnliche, vergleichbare oder bessere Fotos gemacht haben. Denn wir nutzen unsere eigenen Fotos zur Erinnerung, zum Verständnis oder für unsere Inspiration. So wird aus meinem Foto „mein Bild“.

“ Die Welt ist meine Vorstellung -” – dies ist die Wahrheit, welche in Beziehung auf  jedes lebende und erkennende Wesen gilt … (1) ~ Arthur Schopenhauer ~

Was Schopenhauer hier als “Wahrheit” bezeichnet ist jedoch für den “normal denkenden” Menschen nicht selbstverständlich. Dieser glaubt vielmehr, dass das, was er sieht, hört oder sonst mit seinen Sinnesorganen von der Welt wahrnimmt, die volle Realität sei. Schon der altgriechische Philosoph Platon wusste, dass wir die Welt nicht so sehen, wie sie ist (2). Kant, von dessen Philosophie Schopenhauer ausging, wies darauf hin, dass wir ein Ding nicht so sehen würden, wie es “an sich” ist, sondern nur so, wie es uns “erscheint”. Das “Ding an sich” könnten wir nicht erkennen.

(1) Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung I, Züricher Ausgabe, §1, S.29.
(2) Hierzu sei nur auf das berühmte Höhlengleichnis (im “Staat”, 7. Buch) verwiesen.

Keine Angst, das wird keine philosophische Aufarbeitung des Themas. Aber ich finde den Seitenblick sehr interessant, denn wir streiten bei der Bildbewertung sehr oft um fundamentale Ansichten.

Selektive Wahrnehmung

Um die Bildgestaltung besser zu begreifen, müssen Sie sich zunächst intensiv mit der Bildbetrachtung an sich beschäftigen. Das heißt, Sie müssen sich bewusst machen, wie ein Bild auf Sie wirkt. Schauen Sie sich möglichst viele Bilder genau an, sei es in Fachzeitschriften, Internetforen, Ausstellungen oder von befreundeten Hobbyfotografen. Aber auch andere Medien sind sehr interessant. Sie werden in der Werbebranche kein Foto finden, welches nicht gestaltet wurde. Allerdings handelt es sich dabei um bis ins letzte Detail geplante Kompositionen. Sie werden bei der Bildbetrachtung feststellen, dass es Bilder gibt, die Sie gar nicht ansprechen, sei es, weil sie kaum oder gar nicht gestaltet sind oder weil sie Ihnen thematisch nicht zusagen. Es gibt sicher auch Bilder, die Sie abstoßen, dabei könnte es sich aber sogar um recht gut gestaltete Bilder handeln, die genau diese Wirkung erzielen sollen.

Und da sind wir auch schon beim wichtigsten Punkt. Jeder Betrachter hat sein eigenes Wesen, mit all seinen Erfahrungen, Erwartungen, Einstellungen und Interessen und mit den damit verbundenen Assoziationen. Sie werden kaum ein Bild finden, welches jeden Menschen gleichermaßen anspricht. Aber es gibt auch Bilder, die viele Menschen ansprechen. Warum ist das so? Ganz einfach, jeder Mensch unterliegt naturgemäß der selektiven Wahrnehmung. D.h. wir können nicht alle Dinge um uns herum mit der gleichen Wertigkeit wahrnehmen, da wir uns sonst nicht auf irgendeine Sache konzentrieren könnten. Das nutzt der Bildkünstler aus.

Dazu ein Zitat von K. C. Cole (3):
„Zu all den Dingen, die wir nicht sehen können, gesellen sich noch die Dinge, die wir nicht sehen wollen, weil wir uns entschieden haben, sie zu ignorieren. Im Augenblick habe ich zum Beispiel beschlossen, das Geräusch meines Atems, das Gefühl des Rings an meinem Finger, den Anblick der Brille direkt vor meiner Nase, ja sogar den der Nase selbst zu ignorieren. Die Blende einer Kamera und die Pupille sind nicht dazu da, Informationen herein zulassen, sondern dazu, welche auszublenden. Wer je eine Kamera in der Hand hatte weiß, dass zu viel Informationen einen genauso blind machen kann wie zu wenig. Wenn sie sich alle neun Sinfonien von Beethoven gleichzeitig anhören wollten, würden sie nur Krach hören.“

Dieses Zitat sollten Sie sich zu Herzen nehmen und es sich immer wieder ins Bewusstsein rufen. Es beschreibt die wichtigste aller Bildgestaltungsregeln:

Weniger ist mehr!

(3) K. C. Cole (geb. 22. August 1946 in Detroit) ist eine US-amerikanische Wissenschaftsjournalistin und Schriftstellerin. Sie ist Professorin an der University of Southern California.

Ich möchte kurz den Begriff „selektive Wahrnehmung“ verinnerlichen, da er die Basis für die Bildgestaltung bildet.
Aus der Enzyklopädie aus freien Inhalten, in allen Sprachen der Welt, jeder kann mitmachen … :
http://de.wikipedia.org/wiki/Selektive_Wahrnehmung
Die Selektive Wahrnehmung ist ein psychologisches Phänomen, bei dem nur bestimmte Aspekte der Umwelt wahrgenommen und andere ausgeblendet werden. Selektive Wahrnehmung beruht auf der Fähigkeit, Muster zu erkennen, einem grundlegenden Mechanismus des menschlichen Gehirns. Das Gehirn ist ständig auf der Suche nach Mustern, um neue Informationen in bereits vorhandene besser eingliedern zu können. Dabei ist die selektive Wahrnehmung die meist unbewusste Suche nach einem bestimmten Muster. Dies ist erforderlich, um die Fülle an Informationen überhaupt bewältigen zu können. Argumente, die die eigene Position stützen, werden stärker wahrgenommen als solche, die sie beschädigen.

Das lassen Sie mal schön sacken.
Vielleicht sagen Sie jetzt, dass Sie aber genau diese Dinge durchbrechen wollen, indem Sie bewusst „Regeln“ brechen. Das habe ich schon oft von Hobbyfotografen gehört aber das ist Pappe. Sie wollen Menschen ansprechen? Nun, der gemeine Betrachter ist nicht in der Lage diese „Regeln“ zu brechen. Sollte es Ihnen dennoch gelingen mit einer völlig anderen Gestaltung erfolgreich zu sein, so kann ich Sie nur beglückwünschen. Sie haben evtl. den Zeitgeist getroffen oder eine Moderichtung interpretiert. Vor Ihnen ist das schon Andy Warhole, David Hamilton, Anne Geddes usw. gelungen. 😉 Aber auch diese Kollegen berufen sich auf Muster der selektive Wahrnehmung.

Das bedeutet aber nicht, dass Sie gewohnte Muster nicht durchbrechen dürfen. Muster unterliegen dem Zeitgeist, der Sichtweise einer Epoche. Alle großen Künstler haben die Regeln Ihrer Zeit durchbrochen. Mit dem Strom zu schwimmen ist kein Zeichen von Fortschritt. Wichtig ist eine klare Bildsprache, die ausdrückt, was dem Autor sein Motiv bedeutet. Die dem Autor persönlich gehört und dem Betrachter im besten Fall spürbar macht, warum er das Bild gemacht hat.

MachtVerhältnis

Der Mensch formt seine Umwelt. In Industrieländern wie Deutschland gibt es nur Kulturlandschaften, die lediglich minimalen Platz für echten, naturbelassenen Lebensraum lassen. Im Bildbeispiel oben bricht der Strommast mächtig groß aber verschleiert durch den Nebel. Das spiegelte das Verhältnis von Mensch und Natur, nach meiner Meinung, sehr gut wider. Der Baum symbolisiert die Natur, der Strommast den Menschen bzw. dessen Handeln, während der Nebel das Zusammenwirken verschleiert. Zudem steht der Nebel für die begrenzte, menschliche Wahrnehmung, für sein diffuses Handeln im Umgang mit der Natur. Den Baum habe ich bewusst gegen die Regel in die Bildecke gezwängt, um die Stellung der Natur im Bewusstsein des Menschen zu dramatisieren.

Trotzdem ist das Bild in Anlehnung an die Drittelregel (Ableitung vom Goldenen Schnitt) aufgeteilt. Ich habe also die Regeln des Goldenen Schnittes gebrochen. Oder besser gesagt, ich habe sie überzogen, um dem Betrachter mein Gefühl als Inspiration mitzugeben. Das funktioniert aber nicht immer. Es kommt auf die Einstellung des Betrachters an. Ist der Betrachter z.B. ein Juror in einem Wettbewerb, so wird er in der kurzen Zeit, die ihm für die Bewertung zusteht, objektiv erkennen, dass die Regel nicht eingehalten wurde. Folglich wird sein Urteil schlechter ausfallen. Anders sieht es vielleicht aus, wenn der Zweck eines Wettbewerbes darin bestünde, die Verhältnisse zwischen Mensch und Natur hervorzuheben. Dann wird der Juror subjektiv wie objektiv anders, möglicherweise von den mir zugedachten Symbolen wie oben beschrieben, an die Sache herangehen.

Man kann als Autor eines Bildes nicht die subjektive Wahrnehmung der Betrachter bestimmen. Es ist aber gut zu verstehen, wie die allgemeine Wahrnehmung beim Menschen funktioniert. Das kann Ihnen nämlich enorm bei der Bildgestaltung helfen. Weil Sie dann in der Lage sein werden bestimmte Muster, die allgemein funktionieren, in einem Bildaufbau zu verarbeiten. Dazu ein kleines Experiment:

Aufgabe:
Sagen Sie möglichst schnell pro Tafel die Farben, mit denen der Text geschrieben ist, auf.

Wahrnehmung_Farben-Text

Wenn Sie Texte in verschieden Farben sehen, und dazu eine Aufgabe gestellt bekommen, dann müssen Sie sich auf die Aufgabe konzentrieren. Unsere Wahrnehmung ist aber darauf geschult Muster zu erkennen. In diesem Beispiel wird das Text-Muster vorrangig wahrgenommen, sodass in Tafel 2 die Farben, in denen der Text dargestellt ist, nur schwer aufzusagen sind. In Tafel 1 klappt es, weil Farbe und Text dasselbe aussagen. In Tafel 3 & 4 ist das kein Problem, weil uns als Westeuropäer die cyrillische Schrift nicht geläufig ist. Daraus wird auch gleich klar, dass Bildgestaltung auch einen kulturellen Aspekt hat.

Noch ein keilnes Expreiment.
Können Sei diesen Txet lesen odre fällt Inhen ewtas auf? Wieveile Wröter sind flasch geschreiben?

Antwort: 11 (rund 60% !) – Ist Ihnen das sofort aufgefallen? – Sie sehen das was sie wollen, Sie suchen nach bekannten Mustern!

TitelKommen wir aber wieder darauf zurück, Sie zum Betrachter werden zu lassen. Und zwar möchte ich, dass Sie zu einem Betrachter werden, für den die selektive Wahrnehmung darin besteht, zu erkennen, welche Komponenten wichtig oder unwichtig, harmonisch oder störend, gefühlsbetonend oder gefühlsabwertend, usw. sind. Das können Sie nicht einfach erreichen, indem Sie einen Schalter im Kopf umstellen. Nein, das müssen Sie sich erarbeiten und immer wieder bewusst trainieren.

Sie entdecken ein interessantes Motiv, z.B. eine Möwe, die sich auf eine Lampe stehend gegen den Wind stemmt. Der erste Eindruck sieht etwa so aus wie hier rechts im Hochformat. Aber es sind viel zu viel störende Elemente im Bild. Zählen Sie allein nur die Lampen, die sind ihnen im ersten Moment doch gar nicht alle aufgefallen, oder?

Also besser einen anderen Standpunkt suchen, der die überflüssigen Lampen weg lässt und eine spannende Perspektive ergibt. Dabei müssen Sie allerdings auch auf das Licht achten. Nun einen Bildausschnitt wählen, der weitere, störende Elemente ausspart und das Motiv auf die eigentliche Aussage beschränkt.

Titel

Sieht doch gleich viel besser aus, oder? Ordnen Sie das Motiv außermittig an und geben Sie Raum für die Bildaussage, in diesem Fall in Blickrichtung der Möwe. Der Betrachter hat vielmehr Fläche und sein Blick wird in ein Drittel des Formates geführt. Kaum störende Details lenken ab (abgesehen von der abblätternden Farbe am Lampenmast). Der Himmel stellt die natürliche Umgebung der Möwe dar und untermalt farblich, wie förmlich die Wirkung des Windes. Eine weitere Steigerung durch Reduzierung könnte eine Umwandlung in Schwarz/Weiß darstellen.

im Windkanal

Soviel zum zweiten Teil meiner Sichtweisen zur Bildgestaltung. Im nächsten Teil wird es um Bildbetrachtung gehen.

Bilgestaltung
Teil 1 – Sinne
Teil 2 – Wahrnehmung

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