DeichSchaf

Lieblingsbild: DeichSchaf

Kommentare 0
Blog, Galerie, Lieblingsbild, Tipps & Tricks

Gestaltungsregeln brechen

Gedanken zur Bildgestalung – Drittelteilung und Bewegungsrichtung

Deiche gehören zum typischen Landschaftsbild in der Wesermarsch. Und selbstverständlich auch zu anderen Landschaften, die von natürlichen Gewässern geprägt sind. Deiche bieten Schutz vor extremen Hochwassern. Daher bedürfen sie besonderer Aufmerksamkeit und Pflege.

Einen Großteil der regelmäßigen Pflege unserer Deiche obliegt unseren vierbeinigen „Küstenschützern“. Die Rede ist von den Deichschafen. Die Erfahrung zeigt, dass Deiche, die jahrelang von Schafen beweidet wurden, größtenteils den Sturmfluten standgehalten haben. Das ist darauf zurückzuführen, dass die Schafe durch ihren tiefen Biss die Grasnarbe kurz halten und dadurch eine starke Bestockung und eine dichte Narbe entstehen. So gibt es eine gute Erosionsbeständigkeit. Zusätzlich wird die Narbe noch durch den Tritt der Schafe verfestigt. Löcher im Deich durch Maulwürfe oder Wühlmäuse werden wieder zugetreten.

Aber dieses Bild ist nicht nur mein Lieblingsbild, weil es ein Stück Heimat für mich symbolisiert. Nein. Dieses Bild ziehe ich immer wieder als Beispiel heran, wenn es darum geht, die Ausnahme einer klassischen Regel der Bildgestaltung zu erklären. Die Drittelteilung lässt sich als vereinfachter „Goldener Schnitt“ erklären. Es geht um die Platzierung des Hauptmotivs – oder besser des Blickfängers – in eine ästhetisch, harmonisch wirkende Bildaufteilung. Nach der Regel sollte es sich in einem der Schnittpunkte der Drittelteilung wiederfinden. Das garantiert eine erhöhte Aufmerksamkeit vom Betrachter und erzeugt Dynamik zur Statik des Bildformats. Soweit so gut.

DeichSchaf - Drittelteilung

DeichSchaf – Platzierung im Schnittpunkt der Drittelteilung und mit „gewohnter“ Bewegungsassoziation

In einer weiteren Regel geht es um die Bewegungsrichtung und dessen Symbolik. Wenn sich ein Objekt durch eine, wie auch immer geartete, Assoziation (zu erwartende Bewegungsrichtung, Fahrrichtung, Körpersprache etc.) aus dem Bildformat heraus oder gegen den Rand bewegt, so wirkt das in den meisten Fällen störend. Der Betrachter bekommt das Gefühl, dass dem Objekt nicht genügend Raum gegeben wurde und verliert dadurch das Interesse. Es macht den Eindruck, der Autor habe nicht überlegt gestaltet. Ausnahmen sind hier gewollte Assoziationen, die sprichwörtlich aus dem Rahmen fallen. Bei meinem Lieblingsbild vom DeichSchaf verhält es sich noch ein wenig anders. Das Schaf assoziert durch seine Körpersprache keine übermäßige Bewegung. Dennoch zeigt der Körper nach links. Eine Platzierung am linken Bildrand ist also mehr als gewagt, denn die Bewegung wird über eine gedachte Linie in Blickrichtung generiert. Dieses Schaf schaut den Betrachter aber an. Und genau das ist der Knackpunkt. Der Punkt des Interesses ist der Blickkontakt.

Möwe im Abflug

Möwe im Abflug – Beispiel einer unglücklichen Platzierung hinsichtlich der Bewegungsrichtung

Nun entsteht also gewohnheitsgemäß eine Assoziation mit der Bewegungsrichtung über die gedachte Linie des Blickes bzw. über die Ausrichtung des Körpers mit Blickrichtung nach links. Der Betrachter würde also eine harmonische Bildaufteilung, mit Raum für die Bewegung vom Autor erwarten. Umso erfreulicher, dass sich bei einer Überspannung beider zuvor genannten Regel, der Betrachter überrascht sieht und sich voller Aufmerksamkeit dem Blickkontakt hingibt. Kein Wunder, sind doch die Objekte „Horizont“ und „Körper“ dramatisch nahe an den Bildrändern platziert, um den Rest des Formates fast völliger Leere zu überlassen. Diese Leere vermag der Betrachter nun mit seinen eigenen Seherfahrungen und Assoziationen zu füllen.

DeichSchaf

DeichSchaf
Spannung und Dramatik durch Platzierung der Bildobjekte nahe der Bildränder,
gewohnte Bewegungsassoziation unterbrochen durch Blickkontakt

Mir ergeht es jedenfalls so. Dies war keine geplante Kompositon. Sie war intuitiv und spontan entstanden und hat mich erst viel später, nachdem ich immer wieder über Bildgestaltung referiert habe, voll ins Herz getroffen.

Schreib einen Kommentar